Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben gerade in einer Art kollektiver innerer‑Kind‑Phase.

Nicht die süße Version mit Bauklötzen und warmem Kakao.

Eher die Version, in der alle gleichzeitig müde, überfordert und hungrig sind –

und keiner will es zugeben .

Was wir gerade überall sehen, erinnert mich stark an das, was viele in der inneren Kind‑Arbeit erleben:

Wenn etwas weh tut, sucht das innere Kind sofort einen Schuldigen.

Nicht die Ursache.

Nicht den Zusammenhang.

Nicht die Geschichte dahinter.

Nein – jemanden, der jetzt greifbar ist.

Das ist menschlich.

Aber es ist nicht erwachsen .

Viele Menschen reagieren gerade genauso:

impulsiv, laut, verletzt, überfordert.

Nicht, weil sie böse sind.

Sondern weil sie Angst haben.

Weil sie sich ohnmächtig fühlen.

Weil sie nie gelernt haben, mit Komplexität umzugehen.

Das innere Kind mag keine Komplexität.

Es mag einfache Erklärungen.

Einfache Feindbilder.

Einfache Emotionen.

Einfache Schuldige .

Und dann passiert etwas Spannendes:

Die Gegenwart wird beschuldigt,

obwohl die Ursachen viel älter sind.

Das ist wie bei einem Menschen, der in der Therapie sagt:

„Ich bin wütend, weil mein Partner heute die Spülmaschine falsch eingeräumt hat.“

Und die Therapeutin denkt:

„Aha. Und was ist wirklich los?“

Wir reden gerade viel über das, was sichtbar ist –

aber kaum jemand spricht über das, was darunter liegt.

Über die alten Muster.

Die alten Entscheidungen.

Die alten Versäumnisse.

Die alten Risse im Fundament, die man jahrelang überstrichen hat,

bis der Putz irgendwann abfiel und alle riefen:

„Oh! Wie konnte das passieren?“

Was mich daran stört, ist nicht, dass Menschen reagieren.

Reaktionen sind normal.

Was mich stört, ist diese kollektive Weigerung,

die ganze Geschichte zu sehen.

Dieses „Ich will aber, dass es einfach ist.“

Dieses „Ich will jemanden, der schuld ist.“

Dieses „Ich will nicht hinschauen, ich will nur schreien.“

Das ist innere Kind pur.

Vielleicht wäre es an der Zeit,

dass wir als Gesellschaft ein bisschen innere‑Erwachsenen‑Arbeit machen.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Nicht mit dem Anspruch, sofort alles zu lösen.

Sondern mit der Bereitschaft,

endlich ehrlich zu sein.

Ehrlich darüber,

dass Probleme selten über Nacht entstehen.

Ehrlich darüber,

dass Verantwortung nicht erst heute beginnt.

Ehrlich darüber,

dass wir nicht weiterkommen,

wenn wir nur auf das zeigen, was gerade brennt,

statt auf das, was seit Jahren glimmt.

Vielleicht ist das der eigentliche Schritt,

den wir brauchen:

Weniger inneres Kind.

Mehr innerer Erwachsener.

Weniger Schreien.

Mehr Hinschauen.

Weniger Schuld.

Mehr Verantwortung.

Und vielleicht ist das die Frage,

die wir uns alle stellen sollten:

Wollen wir weiter reagieren wie verletzte Kinder –

oder endlich handeln wie Erwachsene?