Was passiert eigentlich donnerstags im Lebenshaus?

Jeden Donnerstag öffnet der blaue Flamingo seine Sprechstunde.

Doch statt Therapie gibt es heute Gespräche. Mitten im Atrium. Zwischen Kartoffeln, Apfelkuchen und einer Tasse Kaffee.

Die Bewohner des Lebenshauses diskutieren über Themen, die viele Menschen bewegen – mal ernst, mal humorvoll, manchmal kontrovers.

Nicht alle sind einer Meinung. Aber jeder darf seine haben.

Und genau das macht das Lebenshaus aus.

Vorbild oder Sonderregeln?

Protokoll aus dem Atrium des Lebenshauses, da heute alle Fragen haben und die Einzelsprechstunde verschoben wird.

Heute Morgen war das Atrium schon vor dem Frühstück ungewöhnlich voll.

Eigentlich wollten alle nur einen Kaffee trinken.

Dann legte Harald die Zeitung auf den Tisch.

Nicht einfach hin.

Er knallte sie hin.

„Jetzt reicht's!“

Gertrud erschrak so sehr, dass sie beinahe die Kaffeekanne fallen ließ.

Änni griff sich die Zeitung, setzte ihre Lesebrille auf und las schweigend.

Dann schaute sie auf.

„Darum geht's also.“

Sie las laut vor:

„CDU-Politiker Jens Spahn und sein Ehemann sind durch eine Leihmutterschaft in den USA Eltern geworden.“

Sie legte die Zeitung langsam auf den Tisch.

„Und genau darüber streitet jetzt ganz Deutschland“, sagte sie leise.

Harald schüttelte den Kopf.

„Nein, Änni. Deutschland streitet nicht über ein Baby. Und auch nicht darüber, dass zwei Männer Eltern geworden sind.“

Er tippte mit dem Finger auf die Zeitung.

„Die Menschen streiten darüber, dass Leihmutterschaft in Deutschland aus ethischen Gründen verboten ist – ein deutscher Spitzenpolitiker diesen Weg aber im Ausland gegangen ist. Genau da beginnt für viele das Problem. Nicht beim Kind. Sondern bei der Vorbildfunktion.“

Inzwischen blieben immer mehr Bewohner stehen. Auch einige Gäste, die eigentlich nur kurz hereinschauen wollten, setzten sich dazu.

„Ich verstehe die Aufregung“, begann einer der Gäste vorsichtig. „Aber es geht doch um ein Kind. Darüber sollte man sich doch freuen.“

Harald nickte.

„Natürlich freue ich mich für jedes Kind, das auf die Welt kommt. Das Kind hat mit der ganzen Diskussion überhaupt nichts zu tun.“

„Worüber regst du dich dann auf?“, fragte Frau Sommer.

Harald lehnte sich zurück.

„Über die Vorbildfunktion.“

Es wurde still.

Harald fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.

„Und genau da frage ich mich: Gelten die Maßstäbe, die hier vertreten werden, am Ende nur noch für die normalen Bürger?“

„Genau das!“, sagte Änni und stellte ihre Tasse etwas fester auf den Tisch. „Mich regt nicht das Baby auf. Mich regt auf, dass ich immer häufiger das Gefühl habe, dass Geld, Einfluss und Macht Türen öffnen, die für andere verschlossen bleiben.“

„Moment mal“, warf ein Gast ein. „Aber die Leihmutterschaft hat doch in einem US-Bundesstaat stattgefunden, in dem sie erlaubt ist. Dort war sie legal. Kann man ihm dann überhaupt einen Vorwurf machen?“

Herr Mertens nickte.

„Genau. Legal und glaubwürdig sind nicht immer dasselbe.“

Jetzt hörte wirklich jeder zu.

Herr Yilmaz legte langsam seinen Löffel neben den Teller.

„Ich habe mein ganzes Leben gekocht“, sagte er ruhig. „Wenn ich meinen Gästen Wasser predige und heimlich Wein trinke, kommen sie vielleicht noch einmal. Ein zweites Mal aber nicht mehr. Vertrauen ist schnell verspielt.“

Tom, der bisher geschwiegen hatte, hob den Blick.

„Mich macht etwas anderes wütend.“

Alle schauten zu ihm.

„Ich habe erlebt, wie Regeln je nach Mensch unterschiedlich ausgelegt wurden. Deshalb reagiere ich auf so etwas empfindlich. Nicht wegen der Politik. Sondern weil ich dieses Gefühl kenne.“

Niemand sagte etwas.

Da räusperte sich Frau M.

„Vielleicht geht es uns allen gar nicht um diesen einen Politiker.“

„Sondern?“, fragte Gertrud.

„Um das Gefühl, dass wir Verlässlichkeit verlieren.“

Harald nickte.

„Genau. Wenn ich als Politiker Regeln mittrage oder vertrete, kann ich nicht erwarten, dass Menschen wegschauen, wenn ich selbst einen Weg suche, sie im Ausland zu umgehen. Genau dadurch geht Vertrauen verloren.“

Der Satz blieb im Raum stehen. Genau in diesem Moment kam Kira mit zwei großen Kartoffelkisten ins Atrium.

„Ihr könnt euch gern weiter aufregen“, sagte sie und band sich die Schürze um. „Aber währenddessen schält ihr Kartoffeln. Heute Mittag warten wieder rund achtzig hungrige Menschen auf ihr Essen.“

„Was gibt's denn?“, fragte Änni und griff sich bereits das Sparschälmesser.

„Frikadellen, Kartoffelpüree aus frischen Kartoffeln und Erbsen-Möhren-Gemüse.“

„Na, dann los“, brummte Harald. „Die Diskussion läuft auch mit einem Kartoffelmesser in der Hand.“

Mara stellte eine Kiste Möhren daneben.

„Die auch.“

Lio schob einen Sack Zwiebeln heran.

„Und die hier bitte für die Frikadellen.“

„Wer hat sich denn das ausgedacht?“, murmelte Harald.

„Du“, grinste Kira. „Du hast letzte Woche gesagt, Hausmannskost wäre das beste Seelenfutter.“

Während Änni und Harald Kartoffeln schälten, schnitten Frau Sommer und Frau Klee Möhren in feine Scheiben. Tom würfelte schweigend die Zwiebeln für die Frikadellen, während Herr Yilmaz mit einem großen Bund Petersilie unter dem Arm durchs Atrium kam.

„Nicht sparen“, sagte er. „Petersilie gehört da reichlich rein.“

Gertrud hatte sich längst an ihren Stammplatz gesetzt.

Vor ihr lagen – wie jeden Tag – fünf Kilo Äpfel.

„Du backst jeden Tag mehr Apfelkuchen?“, fragte Änni.

Gertrud lächelte, ohne aufzusehen.

„Natürlich. Der ist immer schon vor dem Abendessen alle."

Dann begann Harald wieder über die Zeitung zu reden.

Und niemand wunderte sich darüber, dass zwischen Kartoffelschalen, Apfelstücken und einem Berg Petersilie plötzlich eine der wichtigsten Diskussionen des Tages entstand.

Als würde er immer dann auftauchen, wenn die Stimmen lauter wurden als die Gedanken, erschien der Flamingo im Innenhof und blieb mitten im Atrium stehen.

Er schaute in die Runde.

„Na?“, fragte er. „Schon fertig mit der Empörung?“

Niemand antwortete.

„Dann lasst mich euch etwas fragen.“

Er stellte sich mitten zwischen die Stühle.

„Wenn Politiker Entscheidungen treffen, die viele Menschen als widersprüchlich empfinden – dürfen Bürger darüber enttäuscht sein?“

Alle nickten.

„Müssen sie darüber sprechen dürfen?“

Wieder nickten alle.

„Dann tut das.“

Er machte eine kleine Pause.

„Aber achtet darauf, warum ihr sprecht.“

Er sah in die Runde.

„Geht es euch darum, einen Menschen zu verurteilen? Oder geht es euch darum, eure Demokratie zu schützen?“

Niemand sagte etwas.

„Das ist ein großer Unterschied.“

Der Flamingo schaute auf die Zeitung.

„Eine Demokratie hält Kritik aus.“

Er hob den Kopf.

„Sie braucht sie sogar.“

„Aber sie braucht auch Menschen, die bereit sind, ihre Kritik zu begründen und Verantwortung für ihre Worte zu übernehmen.“

Er lächelte.

„Und jetzt trinkt euren Kaffee, bevor er kalt wird.“

Harald griff nach seiner Tasse.

„Weißt du was?“

„Was denn?“, fragte Änni.

„Ich bin immer noch wütend.“

Der Flamingo nickte.

„Das darfst du.“

„Aber ich weiß jetzt wenigstens, worüber.“

Im Atrium wurde es still. Nicht, weil plötzlich alle derselben Meinung waren. Sondern weil jeder begonnen hatte, über seine eigene nachzudenken.

Da flatterte Lore auf die Rückenlehne eines Stuhls.

Die Sonnenbrille hatte sie wieder lässig auf den Kopf geschoben. Sie behauptete zwar, das sähe cool aus. Die anderen behaupteten, sie hätte einfach vergessen, dass sie sie dort trug.

„Darf ich auch mal was sagen?“

Niemand antwortete.

„Gut. Dann mach ich das einfach.“

Sie schüttelte ihr Gefieder.

„Also ich bin nur ein Huhn. Aber selbst ich weiß, dass man keine Eier legen sollte, wenn man den Stall verbieten will.“

Im Atrium wurde es mucksmäuschenstill.

Harald verschluckte sich am Kaffee.

Änni prustete los.

Selbst Herr Mertens musste grinsen.

Lore schaute in die Runde.

„Was denn? Ihr wollt doch immer, dass ich ehrlich bin.“

Sie rückte ihre Sonnenbrille zurecht.

„Und bevor jetzt wieder einer meckert: Nein, ich rede nicht über das Küken. Ich rede über den Stall.“

Aufgeschrieben von FRAU A., weil Flamingos zwar hervorragende Beobachter sind – aber bis heute keine Tastatur bedienen können. 🦩

Hinweis: DAS LEBENSHAUS ist ein fiktiver Ort. Die geäußerten Ansichten gehören den Figuren, die – wie im echten Leben – unterschiedliche Erfahrungen, Werte und Meinungen mitbringen.


🚪 Die Tür zum Atrium steht offen.

Die Bewohner des Lebenshauses freuen sich immer über Besuch.

Vielleicht setzt du dich beim nächsten Mal einfach dazu.

Der Kaffee ist heiß.

Gertruds Apfelkuchen meistens schon halb aufgegessen.

Und irgendeiner schält garantiert gerade Kartoffeln.

📚 Hier findest du die bisherigen Bücher der Reihe DAS LEBENSHAUS


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📝 Und wenn du magst, hinterlass den Bewohnern einen Gruß im Gästebuch.

Wer weiß ...

Vielleicht greift Lore deinen Gedanken in einer der nächsten Flamingo-Sprechstunden auf. 🐔😉