Ich habe Männern sechs Tage lang morgens E-Mails geschickt. Sie haben sogar dafür bezahlt.

Ich räume meinen PC auf.

Das klingt erst einmal nicht besonders aufregend.

Ist es aber.

Denn viele meiner alten Dateien waren verschwunden. Texte, Kurse, Ideen und Projekte aus einer Zeit, in der ich unglaublich viel geschrieben, entwickelt und ausprobiert habe.

Und jetzt tauchen sie wieder auf.

Heute Morgen fand ich einen Männerkurs aus dem Jahr 2021.

6 Tipps für Männer.

Geschrieben von mir.

Verkauft von mir.

Und dann fiel mir auch wieder ein, wie der Kurs funktionierte:

Die Männer bekamen sechs Tage lang jeden Morgen eine E-Mail von mir.

Sie haben sogar dafür bezahlt.

Wie viel?

Keine Ahnung mehr.

Aber nachdem ich heute Morgen die sechs E-Mails noch einmal gelesen habe, frage ich mich viel mehr:

Wie es diesen Männern heute wohl geht?

Tag 1: Blumen. Aber bitte die richtigen.

Am ersten Morgen war ich noch relativ harmlos.

Der Mann sollte seiner „Lieblingsfrau“ einen Blumenstrauß schenken.

Allerdings nicht irgendeinen.

„Es müssen IHRE Lieblingsblumen sein.“

Und nein, auch keine aus dem Supermarkt. Die kauft sie sich schließlich selbst.

Falls er ihre Lieblingsblumen nicht kannte, sollte er sie herausfinden.

Und bitte nicht einfach Rosen kaufen.

Chrysanthemen oder Lilien gingen schon mal gar nicht.

Friedhofsblumen.

Es sei denn, er wollte ihr mit seinem Blumenstrauß mitteilen, dass es mit ihnen vorbei ist.

Aber dafür hatte er meinen Kurs ja schließlich nicht gekauft.

Tag 2: Wir müssen über deine Nasenhaare reden

Am nächsten Morgen wurde es persönlicher.

Ich wollte wissen, wie es um sein Äußeres bestellt war.

Haare?

Bart?

Ohren- und Nasenhaare?

Rückenhaare?

Finger- und Fußnägel?

Hornhaut?

Zähne?

Und natürlich:

Unterwäsche?

Alt? Verfärbt? Ausgeleiert? Löcher?

Hatte ich alles schon gesehen.

Und dann schrieb ich:

„Keine Frau steht auf Streicheleinheiten mit Schmirgelpapier!“

Der Mann bekam deshalb die Aufgabe, sich nach dem Duschen nackt vor den Spiegel zu stellen.

Und zwar nicht einfach nur, um sich anzugucken.

Er sollte sich mit den Augen einer Frau betrachten.

Was sieht sie?

Was riecht sie?

Und wenn die Unterwäsche ihre beste Zeit bereits hinter sich hatte, sollte er sich gefälligst neue kaufen.

Ich erinnere an dieser Stelle noch einmal daran:

Die Männer haben für diese E-Mails bezahlt.

Tag 3: Eine Sporthose heißt nicht ohne Grund Sporthose

Am dritten Morgen kam Bewegung in die Sache.

Ich hatte die Sporthose bereits am Vortag erwähnt.

Nun erklärte ich:

„Ab heute brauchst du sie. Für Sport! Genau dafür! Deshalb heißt diese Hose so.“

Ab jetzt sollte der Mann jeden Tag raus.

Spazieren.

Walken.

Joggen.

Je nach Kondition.

Mindestens eine halbe Stunde.

Und falls er sich jetzt fragte, wann er das bitte auch noch machen sollte, hatte ich selbstverständlich eine Lösung:

„morgens einfach eine Stunde früher aufstehen!“

So einfach kann das Leben sein.

Dann kam Tag 4

Stellen wir uns einen dieser Männer vor.

Er steht morgens auf.

Vielleicht hat er inzwischen die Lieblingsblumen seiner Frau herausgefunden.

Seine Nasenhaare sind gestutzt.

Die Unterwäsche ist neu.

Die Sporthose wird inzwischen tatsächlich für Sport benutzt.

Er macht sich einen Kaffee.

Öffnet sein E-Mail-Postfach.

Astrid hat geschrieben.

Und er liest:

„Mit dem Rücken an der Wand – ist keine so schlechte Position für dich als Mann.“

Wenige Zeilen später kniet seine Lieblingsfrau vor ihm.

Und bläst ihm einen.

Ja.

Das habe ich Männern morgens per E-Mail geschickt.

Es folgten noch ein paar Hinweise zur Intimrasur.

Sexuelle Wünsche kamen auf den Tisch.

Ich wollte von ihm wissen, ob seine Frau seine sexuellen Wünsche kennt.

Und ob er eigentlich ihre kennt.

Falls nicht:

Finde sie heraus.

Und bevor ich den Mann an diesem Morgen in seinen Tag entließ, gab ich ihm noch etwas mit:

„Halte schon mal Ausschau nach einer passenden Wand.“

Ich hoffe sehr, dass an diesem Morgen keiner von ihnen ein wichtiges Meeting hatte.

Es ging aber nicht nur um Blumen, Nasenhaare und Sex

Bei all dem Spaß war der Kurs nicht einfach eine Sammlung verrückter Aufgaben.

Ich wollte etwas von diesen Männern.

Ich wollte, dass sie hinschauen.

Nicht nur auf ihre Frau.

Auch auf sich selbst.

Was war in ihrer Beziehung selbstverständlich geworden?

Wann hatten sie aufgehört, sich umeinander zu bemühen?

Wann hatten sie zuletzt miteinander gelacht?

Sich geneckt?

Sich wirklich berührt?

Wussten sie überhaupt, was der andere wollte?

Und am sechsten Tag stellte ich Fragen.

Viele Fragen.

Wer ist SIE?

Was interessiert sie?

Wie läuft ihr Tag ab?

Was macht sie gerne?

Worüber lacht sie?

Wann ist sie glücklich?

Was waren die Kleinigkeiten, die du an ihr geliebt hast?

Sind sie noch da?

Redet ihr überhaupt noch miteinander?

Weißt du, wer sie in Wirklichkeit ist?

Was vermisst du an ihr?

Und:

Möchtest du sie überhaupt noch?

Vielleicht war genau das der eigentliche Männerkurs.

Nicht:

Wie bekomme ich eine Frau?

Sondern:

Siehst du die Frau eigentlich noch, die längst da ist?

Du bist der Jäger und die Frau ist die Königin

Auch das habe ich den Männern geschrieben:

„Du bist der Jäger und die Frau ist die Königin!“

Und ja.

Der Satz darf auch heute noch da stehen.

Eine Königin ist nicht hilflos.

Sie ist nicht weniger wert, weil sie sich umwerben lässt.

Sie muss sich nicht klein machen.

Sie muss keinem Mann hinterherlaufen.

Und vor allem muss sie keinen Mann davon überzeugen, dass sie wundervoll, begehrenswert und einzigartig ist.

Sie darf wählen.

Sie darf sich öffnen.

Sie darf genießen.

Sie darf Nein sagen.

Und sie darf Ja sagen.

Gleichberechtigung bedeutet für mich nicht, dass Frau und Mann gleich sein müssen.

Und eine Frau muss nicht die Aufgabe übernehmen, einen Mann von sich zu überzeugen.

Der darf sich schon ein bisschen Mühe geben.

Oder auch ein bisschen mehr.

Was man beim Aufräumen so findet

Ich wusste, dass irgendwo all diese Texte existieren.

Ich wusste auch, dass ich damals ziemlich coole Sachen geschrieben habe.

Nur waren viele davon verschwunden.

Und jetzt tauchen sie wieder auf.

Körperliebe.

Affären.

Kinderzimmer.

Dankbarkeit.

Kurse.

Projekte.

Und eben:

6 Tipps für Männer.

Wenn ich diese sechs E-Mails heute lese, muss ich lachen.

Über meine Formulierungen.

Über meine Direktheit.

Über die Vorstellung, dass irgendwo Männer morgens ihren Kaffee getrunken und gleichzeitig meine Anweisungen zu Blumen, Nasenhaaren, Unterwäsche und Sport bekommen haben.

Und ganz besonders über Tag 4.

Aber ich mag diese Texte.

Sie gehören zu meinem Weg.

Zu meinen Geschichten.

Zu all den Dingen, über die ich nachgedacht, die ich ausprobiert und über die ich geschrieben habe.

Und deshalb bleiben sie.

Vielleicht habe ich beim Aufräumen meines PCs heute gar keinen alten Männerkurs gefunden.

Vielleicht habe ich einfach eine verdammt gute Geschichte wiedergefunden.

Und falls einer der Männer, die damals dafür bezahlt haben, zufällig noch irgendwo da draußen ist:

Wie geht es dir?

Kennst du inzwischen die Lieblingsblumen deiner Frau?

Benutzt du deine Sporthose noch?

Und die wichtigste Frage:

Hast du damals eigentlich eine geeignete Wand gefunden?


Du möchtest mir etwas dazu sagen? Dann hinterlass mir gerne einen Eintrag im Gästebuch.