Es gibt diese merkwürdigen Zeiten im Leben.

Nach außen sieht es aus, als würde nicht viel passieren. Ich mache ein bisschen, räume hier etwas um, verändere dort eine Kleinigkeit. Ich sitze am Schreibtisch, lösche, schreibe neu, denke nach und habe am Ende des Tages manchmal sogar das Gefühl, nichts geschafft zu haben.

Genau darin liegt die Täuschung.

Denn manche Veränderungen entstehen nicht mit einem großen Knall. Sie wachsen leise. Fast unbemerkt.

Ich glaube, ich befinde mich gerade wieder genau in so einer Phase.

In den letzten Wochen habe ich Bücher überarbeitet, meine Website neu gestaltet, Texte geschrieben, alte Ideen sortiert und neue entstehen lassen. Vieles davon sieht nach außen unspektakulär aus. Kein großes Feuerwerk. Keine riesigen Ankündigungen.

Und trotzdem spüre ich, dass etwas anders wird.

Es fühlt sich an, als würde ich langsam aus einem alten Kapitel heraustreten, ohne das neue schon vollständig betreten zu haben.

Das ist kein besonders bequemer Ort.

Ich gehöre nicht mehr ganz dorthin, wo ich einmal war. Gleichzeitig ist das Neue noch nicht fertig. Manchmal macht genau dieser Zwischenraum unruhig. Ich frage mich, ob ich auf dem richtigen Weg bin, weil das Ziel noch nicht sichtbar ist.

Ich habe auch wieder Ausschlag am Kopf und im Nacken bekommen. Inzwischen weiß ich, dass mein Körper manchmal so auf innere Unruhe reagiert. Wenn ungeklärte Dinge auftauchen, meldet er sich. Dann werde ich aufmerksamer – mir selbst gegenüber. Aber auch ein wenig ungeduldiger.

Es fühlt sich an, als würde sich etwas anbahnen, ohne dass ich schon erkennen kann, was es ist.

Dabei entsteht oft genau dort das Fundament. Ein neues Fundament.

Fortschritt fühlt sich nämlich nicht immer nach Fortschritt an. Meistens fühlt er sich für mich erst einmal nach Stillstand an. Nach Warten. Nach Zweifeln.

Erst wenn ich später zurückblicke, erkenne ich, wie viele kleine Schritte notwendig waren, damit etwas Großes entstehen konnte.

Und manchmal zeigt sich auch, woher diese Unruhe kommt.

Gestern hat mich ein Anruf zurück in die Vergangenheit geholt.

Der Anrufer war mein Kind.

Ich hatte einem Telefonat zugestimmt, weil es noch Dinge gibt, die uns beide betreffen und die geklärt werden müssen. Das fällt mir nicht leicht, aber ich weiß, dass es notwendig ist.

Schon länger merkte ich, wie sich die Unruhe wieder in mir ausbreitete. Nachts meldete sich die Angst zurück. Je näher der Zeitpunkt seiner Entlassung rückt, desto häufiger tauchen Gedanken auf, die ich eigentlich längst hinter mir glaubte.

Bei einem Gespräch mit einer Sozialberatung fiel ein Satz, der wahrscheinlich jeder Mutter eines suchtkranken Kindes irgendwann begegnet:

„Sie müssen sich schützen. Sie müssen auf sich achten. Sie können ihn nicht ändern, nicht retten und nicht helfen.“

Ja.

Das weiß ich.

Und ich will ihn auch gar nicht retten.

Was ich möchte, ist etwas anderes.

Ich möchte ihn nicht bei mir aufnehmen.

Ich möchte ihm nicht zufällig im Dorf oder im Supermarkt begegnen und sofort wieder in alte Angst zurückfallen.

Ich möchte nie wieder so leben müssen wie noch vor kurzer Zeit.

Vielleicht gehört auch das zu diesem neuen Fundament.

Nicht nur neue Projekte, neue Bücher oder eine neue Website.

Sondern Grenzen, die ich nicht nur gesetzt, sondern auch ausgesprochen habe.

Klare Entscheidungen, die ich ihm mitgeteilt habe.

Und die Erkenntnis, dass Selbstschutz nichts mit Lieblosigkeit zu tun hat.

Vielleicht besteht das Neue manchmal genau darin, dass wir das Alte nicht mehr in unser Leben zurücklassen.

Ich werde weitergehen. Schritt für Schritt.

Nicht, weil ich schon genau weiß, wie alles aussehen wird.

Sondern weil ich inzwischen darauf vertraue, dass aus vielen kleinen Schritten irgendwann etwas entsteht, das größer ist als jeder einzelne davon.

Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem etwas Neues bereits begonnen hat – auch wenn ich es noch nicht vollständig sehen kann.


Kennst du solche Zwischenräume?

Diese Zeiten, in denen das Alte nicht mehr passt und das Neue noch nicht sichtbar ist?

Wie gehst du damit um?


Hinterlasse mir gerne einen Eintrag in meinem Gästebuch oder sende mir eine E-Mail, mit deinen Gedanken.